News vom 16.03.2026Vom Schmerzpunkt zur Systemlösung
Wie ein Hackathon-Projekt die gutachterliche Arbeit neu strukturiert.
Das Interview führten: Philipp Strauch, Doris Schlachter
Zum Hackathon der Handwerkskammer Aachen brachte Marcus Steffen einen ganz konkreten »Schmerzpunkt« mit, wie er im Interview mit dem Deutschen Handwerksblatt sagte: zu viel Zeit für Recherche. Daraus entwickelte sich die Idee für ein digitales System, das gutachterliche Arbeit strukturiert, ohne fachliche Verantwortung aus der Hand zu geben. Marcus Steffen arbeitet als TÜV-zertifizierter Sachverständiger für Schimmel- und Bauwerksdiagnostik, beschäftigt sich mit forensischer Analytik und führt einen Handwerksbetrieb.
Wie sind Sie auf den Hackathon aufmerksam geworden?
Steffen: Über den Newsletter der Handwerkskammer Aachen. Am Ende der E-Mail sprang mir der Begriff »Hackathon« ins Auge – in Verbindung mit KI und einem zweitägigen Workshop.
Der Moderator stellte zu Beginn des Hackathons die Frage: »Was ist Euer größter Schmerzpunkt?« Was war Ihre Antwort?
Steffen: Der enorme Zeitaufwand für Recherche. Als Sachverständiger verbringe ich viel Zeit damit, in Büchern, Dateien und Normen nach Zusammenhängen, Erklärungen und Belegen für eine konkrete Fallsituation zu suchen. Meine erste Idee war deshalb eine virtuelle Bibliothek, die mithilfe von KI gezielt relevante Quellen mit sauberem Verweis auffindbar macht.
Wie ging es weiter?
Steffen: Es entstand eine neue Idee: Warum sollte ich nicht ein Werkzeug aufbauen, das den Gutachter bei seiner täglichen Arbeit unterstützt, anstatt nur eine Bibliothek? Ich nutzte die Zeit bis zum nächsten Hackathon an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg, um ein SaaS-System (browserbasierter Zugriff ohne lokale Installation) zu entwickeln, das gutachterliche Prüf- und Entscheidungsprozesse nachvollziehbar abbildet und die Erstellung von Gutachten systematisch unterstützt. Zentrum ist ein modulares Regelwerk, das fachliche Prüfschritte, Bewertungslogiken und Entscheidungsabläufe systematisch abbildet. Die Architektur basiert auf klar definierten Modulen, die Fallaufnahme, Analyse, Bewertung, Dokumentation und Qualitätssicherung trennen und zugleich logisch miteinander verknüpfen. Ziel ist es, wiederholbare, überprüfbare und dokumentierbare Prozesse zu ermöglichen.
Können Sie darauf bitte näher eingehen?
Steffen: Das System trifft keine »magischen« KI-Entscheidungen, sondern arbeitet nach festen, klaren Regeln und Schritten. Fachliche Bewertungen entstehen entlang transparenter Prüflogiken und regelbasierter Abläufe. Jeder Schritt bleibt nachvollziehbar, begründbar und revisionsfähig. Zugleich bleibt das Modell anpassbar: Sachverständige können eigene Methoden, Checklisten, Normen und Fachbibliotheken integrieren. Es gibt zwei Ebenen: eine klare Benutzeroberfläche für die operative Fallbearbeitung sowie eine strukturierte Regel- und Steuerungsebene im Hintergrund, in der Bewertungslogiken, Modulparameter und Qualitätsstandards verwaltet werden. Die Trennung stellt sicher, dass Fachmethodik und Anwenderprozess sauber voneinander abgegrenzt bleiben. So wird gutachterliche Arbeit konsistenter, transparenter und skalierbarer, ohne die fachliche Verantwortung aus der Hand zu geben.
Welchen konkreten Mehrwert sehen Sie im Alltag?
Steffen: Zeitersparnis bei der Recherche, bessere Strukturierung von Fällen und höhere fachliche Sicherheit bei der Begründung von Gutachten. Für mich bedeutet das mehr Klarheit. Wenn Quellen, Normen und Erfahrungswerte systematisch verknüpft sind, entsteht mehr Sicherheit in der eigenen Entscheidung – auch gegenüber Auftraggebern.
Wo sehen Sie sich in Zukunft mit Ihrer Entwicklung?
Steffen: Ziel ist eine schrittweise Skalierung von »BDA Genesis« in ausgewählten euopäischen Märkten, mit dem Anspruch, eine führende Plattform für strukturierte Diagnoselogik sowie für nachvollziehbare Schadenbegutachtung und -bewertung zu werden. Die Einführung ist als mehrstufiges Programm geplant. Dabei erfolgt die Skalierung kontrolliert und qualitätsgesichert. Rückmeldungen und Praxiserfahrungen von Sachverständigen fließen kontinuierlich in die Weiterentwicklung ein, um methodische Belastbarkeit, fachliche Akzeptanz und operative Praxistauglichkeit sicherzustellen.
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